Er ist schon recht ausgetreten, der Pfad, der die Beziehung zwischen Malerei und Fotografie untersucht. Doch Rosa Lachenmeier findet am Wegrand noch ein höchst interessantes Thema: das Spannungsverhältnis zwischen Anarchie und System. Dem widmet sie sich mit größter Sorgfalt, Kreativität und Eigenwilligkeit. System – das sind für sie Baugerüste, Leitern, Drahtgitter, Geländer. Strenge geometrische Strukturen, die nach genauen mathematischen Formeln entstanden und Notwendigkeiten der Anwendung und Sicherheit zu folgen haben. Gerade Linien und rechte Winkel bestimmen die Ästhetik ihrer fotografischen Abbildungen. Durch Übermalung setzt die Schweizer Künstlerin dem die Anarchie entgegen – zufällige, schwungvolle Formen, Farbtropfen, sich überdeckende, unregelmäßige Farbflächen. Gelb und Blau bestimmen das Bild, Ruhe und Unruhe wechseln einander ab.
Die Strukturen der fotografierten „Realität“ werden aufgelöst und von freier Kreativität abgelöst. Diese führt naturgemäß eher zu Überraschungen, verneint „sichere“ Antworten und Lösungen. Dabei setzt Lachenmeier – ein hintergründiger Witz – ihre Bilder wieder zu strengen, rechtwinkligen Strukturen zusammen, nutzt dabei auch die Ecken und Winkel der Ausstellungshalle. Notenblätter mit Partituren anstelle der „Architektur“-Fotos lassen sich dabei als Bindeglied zwischen System und schöpferischer Anarchie verstehen. (ehu)